Die Ashtāngas (aṣṭāṅgas) – das achtgliedrige Wertesystem des Yoga

अष्टाङ्ग

In den Yoga Sutras erklärt Patanjali den acht-stufigen

Yoga-Pfad - oder auch, das acht-gliedrige Yoga-System.

Bedingung und Grundlage für ein Leben mit Yoga.

Damals, vor ca. 2000 Jahren, galt es für die Schüler,

die einem Lehrer unterstellt waren, sehr jung waren und zuvor

kaum Möglichkeiten der Vorbildung hatten, diese acht Stufen

streng der Reihe nach zu befolgen.

Eine Stufe musste vom Schüler zur vollsten Zufriedenheit

des Lehrers gelebt und beherrscht werden, bevor die nächste

beschritten werden durfte. Es konnte also eine lange Zeit

vergehen, bis der Schüler z.B. in der Āsana- oder

Prānāyāma -Technik unterrichtet wurde.  

 

Heute handhabt und lehrt man diesen Aspekt offener.

Viele Yoga-Aspiranten finden den Weg zum Yoga

(oft mit theoretischen und praktischen Vorkenntnissen)

in einer späteren Phase ihres Lebens.

Das Yoga-Wissen, welches zu alten Zeiten strengstens

geheim war, ist den heutigen Schülern durch die

Übersetzungen und die weltweite Verbreitung der alten

Schriften und neueren Interpretationen zugänglich.    

Zudem bringt es die Kultur und die Gesellschaft,

in der wir leben, mit sich, dass wir uns Geboten,

allgemeinen Regeln, religiösen und ethischen Fragen

schon sehr früh stellen müssen.

Yoga ist eine Lebensweise, eine Philosophie,

die den ganzen Menschen, sein Denken, sein Fühlen,

sein Handeln, seinen Körper und sein Umfeld mit einbezieht.

Die Grundlagen dafür bilden die „Ashtāngas“.

Du kannst dir die Ashtāngas als acht-gliedriges System, als einen acht-armigen Weg oder als acht Stufen vorstellen.

Ich finde die Vorstellung eines Baumes, eines Ashtānga-Baumes, sehr schön und anschaulich - mit seinem Stamm, den sich nach oben, zum Licht strebenden Ästen, Zweigen und Blättern.

 

Obwohl es durchaus sinnvoll ist, die acht Stufen oder Ebenen Schritt für Schritt zu erfahren und zu verinnerlichen -  

denn eine bildet die jeweils notwendige Grundlage für die nachfolgenden - sollten dennoch alle immer zeitgleich in unserem Bewusstsein sein und nach persönlichem  Verständnis, Temperament und Erfahrung befolgt und praktiziert werden.

Sehr schön dazu der Vers 31 im Kapitel II:

Diese Grundregeln sind nicht durch soziale Schicht, Ort, Zeit oder Umstand bedingt. Sie gelten für alle Ebenen  und bilden das große universelle Gelübte.

अहिंसासत्यास्तेयब्रह्मचर्यापरिग्रहा       यमाः ||2.30||

ahiṃsā-satyā-asteya-brahmacarya-āparigrahā  yamāḥ ||2.30||

1. Yamas  Regeln im Umgang mit anderen (das moralische Fundament) 

               Friedfertigkeit,  Ehrlichkeit,  Nicht-Stehlen,   Mäßigung,   Begierdefreiheit

                  ahimsā            satyā            asteya         brahmacharya     āparigrahā 

 

Ahimsā  - die Friedfertigkeit

ahiṃsā, die Gewaltlosigkeit oder positiv ausgedrückt: die Friedfertigkeit, beinhaltet aktives Mitgefühl für alle Lebewesen.

Es geht dabei aber nicht nur um das Nicht-Töten oder das Nicht-Misshandeln von Mensch und Tier.

Dieses Gebot verlangt subtileres – z.B. Klatsch vermeiden, negative Gedanken und Äußerungen über unliebsame Personen

zügeln, die Stimme nicht erheben, selbstkritisches Hinterfragen, wenn man Kritik an anderen übt, die Umwelt wirklich schützen, Eigenschaften wie Herzensgüte, Geduld und Toleranz anderen und uns selbst gegenüber entwickeln, die Entscheidung, freundliche Gedanken zu denken und uns selbst verzeihen, wenn etwas misslingt. Integriere Ahimsā  in deine Esskultur –

iss vegetarisch und behandle tierische Produkte mit Respekt.   

Satyā - die Wahrhaftigkeit

satyā, die Wahrhaftigkeit, handelt von der Wahrheitstreue, von Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Authentizität. Satya verlangt die Distanzierung von jeglicher Täuschung. Weder etwas beschönigen noch Versprechungen machen, die wir nicht einhalten

können. Kläre bei der nächsten Notlüge dein Motiv. Wolltest du jemanden schützen oder hast du aus Trägheit gelogen,

dich einer unangenehmen Situation zu stellen? 

Wahrheitsliebe hält auch nicht immer einfache Aufgaben bereit. Lebe gemäß deiner eigenen Wahrheit. Erkenne die Selbstlügen, die sich zwischen die Ich-Identität und das wahre Selbst schieben können.

Prüfe sorgsam, was du tust. Das betrifft auch deine Arbeit. Entspricht sie deinem Dharma (das, was dein wahres Wesen ausmacht)? Und bedenke Ahimsā und Satyā zu vereinen – andere zu verletzen, nur weil es deine „ehrliche“ Meinung ist,

bedeutet jemanden zu verletzen.

 

Asteya – Nicht-Stehlen, die Bescheidenheit

asteya ist viel mehr als nur „nicht stehlen“, wie es oft übersetzt wird.

Es bedeutet auch, das Verlangen nach all dem, was uns nicht gehört zu zügeln. Es bedeutet generell, sich nicht zu nehmen,

was einem nicht angeboten wird. Das gilt für materielle Dinge, zwischenmenschliche Verknüpfungen, die Energie eines anderen Menschen durch ich bezogenes Verhalten sowie dessen Zeit - es sei, sie wird angeboten.

 

Brahmacharya - die Mäßigung

brahmac(h)arya ist die Mäßigung und die Enthaltsamkeit. Die Auslegung kann variieren – für die Mönche ist es das Zölibat,

bei Paaren fordert Brahmacharya die sorgsame Kanalisierung ihrer Sexualität mit dem Bewusstsein, wie stark diese Energie

ist und das Wissen, wie fehlgeleitet diese ist, wenn sie einseitig oder übermäßig angezapft wird.   

 

Āparigrahā – die Begierdefreiheit

āparigrahā, die Begierdefreiheit, lässt uns unsere wahren Bedürfnisse erkennen. Dafür ist zu klären, was wahre Bedürfnisse von Verlangen unterscheidet. Je weniger du brauchst, umso größer ist die Chance, glücklich zu sein. Die Fixierung auf materiellen Besitz steht unserem Glück im Weg, da sie ständig Verlustängste produziert. Sammeln und Horten ist das Gegenteil von             Āparigrahā. Reduziere deine materiellen Bedürfnisse auf das Wesentliche. Distanziere dich klar vom „Haben wollen“ und genieße, was du schon besitzt.  

 

शौचसंतोषतपःस्वाध्यायेश्वरप्रणिधानानि  नियमाः  || 2.32 || 

śauca-santoṣa-tapaḥ-svādhyāya-iśvara praṇidhānāni  niyamāḥ  || 2.32 ||

2. Niyamas – ethische Regeln im Umgang mit uns selbst - und allem, was uns umgibt

                     Sauberkeit, Zufriedenheit, Begeisterung,  Selbst-Studium,    Vertrauen                                 

                         śauca          santosha           tapas           svādhyāya   iśhvara praṇidhānā 

 

Saucha – die Sauberkeit

śauc(h)a, bedeutet die Sauberkeit oder Reinlichkeit deines Körpers, deines Umfeldes und deines Geistes. Halte deinen Körper außen und innen, z.B. mit Reinigungs-Kriyas und sauberer Nahrung rein. Halte deinen privaten Lebensraum sowie deinen Arbeitsplatz sauber – und achte auf die Reinheit deiner Gedanken und Handlungen. 

 

Santosha – die Zufriedenheit

santosha, die Zufriedenheit, die Genügsamkeit. Es ist die Wertschätzung dessen, was wir haben. Auch die Gleichgültigkeit aller Dinge. Das Glück, das aus dem Gefühl innerer Gelassenheit entsteht.

 

Tapas – die Begeisterung, das Durchhaltevermögen

tapaḥ bedeutet auch glühender Enthusiasmus, Motivation und Selbstdisziplin, Freude über die Herausforderung. Tapas ist das innere Feuer, das uns durchhalten lässt – auch wenn es schwierig wird.

 

Svādhyāya – das Selbststudium

svādhyāya, das Selbststudium besagt: Studiere die Schriften, indem du sie selbst liest - verlasse dich nicht allein auf die Interpretation anderer.

Reflektiere, wie das Studium der Schriften deine Sicht verändern kann.

Es heißt aber auch: die Reflextion der eigenen Gedanken und des eigenen Handelns.

Ishvara Pranidhana – das Vertrauen

iśhvara praṇidhānā bedeutet Gottvertrauen haben. Das Wissen und Vertrauen einer höheren Existenz, der Respekt vor dem allumfassenden Prinzip kann uns helfen, unser Schicksal leichter zu tragen und uns von unserem Ego-Willen zu lösen. Vertraue dem, was geschieht, vertraue dir und deinen Taten – denn du bist Teil des allumfassenden Prinzips.

 

यमनियमासनप्राणायामप्रत्याहारधारणाध्यानसमाधयो ऽष्टावङ्गानि ||2.29||

yama-niyama-āsana-prāṇāyāma-pratyāhāra-dhāraṇā-dhyāna-samādhayo'ṣṭāv aṅgāni ||2.29||

 

3. Āsana – Positionen, Haltungen und Übungen

āsana, wörtlich übersetzt Sitz oder Haltung, die in der Meditation eingenommen wird, steht hier breitgefächerter für alle Yoga-Positionen und fließenden Bewegungen Vinyāsas wie z.B  den Sonnengruß SūryaNamaskār. Übe die Āsanas -  irgendwann stellt sich ein Gefühl von Weite, Leichtigkeit und gleichzeitig sicherer Erdung ein. Trainiere deinen Körper, dein Werkzeug, deinen Wagen, der dich durchs Leben fährt. 

 

4. Prānāyāma – Kontrolle der Lebensenergie durch Lenkung des Atems

prāṇāyāma, wörtlich: Regelung des Atems, der Lebensenergie.

Übe dich in Prānāyāma, reinige deinen Körper und versorge ihn mit frischer Energie. Beziehe die bewusste Lenkung des Atemstroms in deine Yoga-Übungen mit ein und praktiziere Prānāyāma als eigenständige Übung. (Nadi Shodhana, Kapalabhati, Bhramari…)

 

5. Pratyāhāra – Rückzug der Sinne

pratyāhāra, das Eintauchen in die Stille. Es ist einfacher nichts zu hören, wenn es still ist – oder nichts zu sehen, wenn es völlig dunkel ist.

Pratyāhāra bedeutet, dass wir uns nicht ablenken lassen wollen von äußeren Reizen - dazu gehören ebenso Gedanken-Reize.

Wenn wir das üben, erlangen wir mehr innere Ruhe, Freiheit und Unabhängigkeit für unser Denken, Fühlen und Handeln. 

 

6. Dhāranā – die Konzentration

dhāraṇā, die Konzentration spürst du, wenn du die Sinneswahrnehmungen zügelst (pratyāhāra). Wenn alles ruhig ist, du deine Gedanken, Gefühle und körperlichen Reaktionen zum Schweigen gebracht hast. Dann kannst du dich einer Sache voll und ganz widmen. Āsanas, Prānāyāmas und Mantras sind hier deine Werkzeuge.

 

7. Dhyāna – die Meditation

dhyāna, der meditative Zustand. „Du zügelst deinen Geist; du bist vollkommen wach aber dein Geist ist nicht auf die Außenwelt gerichtet.

Du lernst mitfühlender und gelassener zu werden...“  Es gibt Zeiten, da fällt es schwerer, unter die Oberfläche zu tauchen – doch je besser du in der Lage bist, dich zu konzentrieren, du durchhältst, baut sich etwas auf, was den Geist nicht nur einfängt und fokussiert, sondern dich in eine Stimmung führt, die frei von Fokussierung ist.

 

8. Samādhi – der überbewusste Zustand

samādhi, die kognitive Versenkung in Richtung „Ausgang“ – ist mehr als Meditation, denn es wird nicht mehr herbeigeführt, ist keine Handlung, die uns eintauchen lässt, sondern ist der Zustand der Vollendung, der absoluten Vereinigung mit dem wahren Selbst oder dem Nicht-Sein.

Ein Zustand ohne Leid, des unmittelbaren Erkennens und der völligen Unabhängigkeit von Körper und Geist.

Vielleicht gehen Samādhi unzählige Perioden der Übung, der Konzentration und der Meditation voraus. Doch eine Ahnung dieses Zustandes bekommst du, wenn du Yoga - mit all seinen Möglichkeiten und Formen - praktiziert.